Artikel: erschienen in «L’Hebdo» am 25.08.2016
Autor: Prof. Cédric Tille, Professor für Internationale Ökonomie am Graduate Institute Geneva

 

NL 10_Yes we canDas Hauptargument der Gegner von AHVplus sind die Kosten. Sie betragen anfangs 4 Milliarden Franken pro Jahr und steigen auf 5.5 Milliarden im Jahr 2030. Dazu kommen die Kosten für die Stabilisierung der AHV, die auf jeden Fall bezahlt werden müssen (7 Milliarden). Das ergibt Gesamtkosten von 12.5 Milliarden bis ins Jahr 2030.

Das scheint auf den ersten Blick ein enormer Betrag. Aber für Nationalstaaten sind Zahlen mit vielen Nullen normal. Rücken wir das Ganze ins rechte Licht. Das Schweizer Bruttoinlandprodukt, BIP, betrug letztes Jahr 639 Milliarden und soll bis 2030 auf 850 Milliarden anwachsen, wenn wir die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft hochrechnen (1). Die Initiative AHVplus würde anfangs 0.63 Prozent des BIP (=4/639) und 0.65 Prozent im Jahr 2030 (=5.5/850) betragen. Wenn wir die bereits geplante Stabilisierung der AHV miteinberechnen, ergibt dies Kosten von 12.5 Milliarden im Jahr 2030, was 1.47 Prozent des BIP ausmacht.

Das ist kein unbedeutender Betrag. Aber er ist bei weitem keine Last, die der Wirtschaft das Rückgrat bräche. Die Frage ist folglich nicht, ob wir für AHVplus bezahlen können. Sondern: ob wir dafür bezahlen wollen.

Die Stärkung der ersten Säule ist ausserdem gerechtfertigt mit Blick auf die Entwicklung des globalen Wirtschaftsumfeldes. Seit Mitte der 1990er Jahre erleben wir einen Abwärtstrend der Renditen der Kapitalanlagen, wie die stetige Senkung der langfristigen Zinssätze zeigt. Das ist ein Langzeittrend, und es ist wahrscheinlich, dass die Renditen in den kommenden Jahren gering bleiben werden. Diese strukturelle Entwicklung steht im Zentrum einer ökonomischen Debatte über die „säkulare Stagnation“ (um den Ausdruck des früheren US-Finanzministers Lawrence Summers zu übernehmen). In einer solchen Situation verlieren die zweite und dritte Säule des Vorsorgesystems an Reiz, da sie auf finanzielle Renditen angewiesen sind, die immer schwieriger zu erreichen sind (ausser man erhöht die Risikobereitschaft). Eine Verlagerung hin zur ersten Säule ist vom wirtschaftlichen Standpunkt aus also absolut berechtigt.

Es geht nicht darum, zu verneinen, dass die Alterung der Bevölkerung leider eine Anpassung des Schweizerischen Rentensystems hin zu weniger Grosszügigkeit bedingt. Die Frage ist, wie man die Last verteilt. Die erste Säule ist weit davon entfernt, grosszügig zu sein. Deshalb ist es fair, die tiefsten Einkommen zu schützen. Die Erhöhung der AHV-Renten, wie in der Gesamtreform vom Ständerat vorgesehen, ging genau in diese Richtung. Im Parlament läuft die Debatte jedoch klar dahin, diese Erhöhung einzusparen. Am 25. September werden wir darüber entscheiden müssen, ob wir mehr Solidarität wollen in unserem Rentensystem. Es wird nicht gratis sein. Aber die Schweiz kann sich die Kosten leisten.

 

(1) Die Prognose nimmt ein jährliches Wachstum des BIP (das hier relevante Mass) von 1 Prozent  2016 und danach 2 Prozent an.

Übersetzung: SGB 2016